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    03/2026
  • Datum
    05.11.2026

Drei Kontinente – drei Perspektiven auf die digitale Zukunft

(Klaus M. Steinmaurer)

Internationale Einblicke: Saudi-Arabien, Brasilien und Japan | 2026

Die vergangenen Wochen waren, wie einigen von Ihnen bereits bekannt sein dürfte, im Rahmen meiner internationalen Aufgaben bei BEREC und ERGP von einem intensiven internationalen Austausch geprägt. Die Reisen nach Saudi-Arabien, Brasilien und Japan boten mir die Gelegenheit, sehr unterschiedliche Ansätze zur Gestaltung der digitalen Transformation, zur Entwicklung moderner Infrastrukturen und zur Regulierung dynamischer Märkte kennenzulernen,aber auch oft nicht so offensichtliche Gemeinsamkeiten in der Post und Telekomregulierung besser zu verstehen.

So unterschiedlich die politischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen dieser Länder auch sind, eines haben sie gemeinsam: Digitalisierung wird zunehmend als strategische Grundlage für wirtschaftliche Entwicklung und internationale Wettbewerbsfähigkeit verstanden.

Die zahlreichen Gespräche mit Vertreter:innen aus Politik, Wirtschaft, Regulierung und Wissenschaft haben nicht nur wertvolle Einblicke eröffnet, sondern auch einige grundlegende Fragen aufgeworfen, mit denen wir uns in Europa und Österreich intensiver beschäftigen sollten und die jedenfalls Teil in meinem persönlichen Arbeitsprogramm für die kommenden Monate sein werden.

Teil 1 – Saudi-Arabien: digitale Transformation mit klarer Strategie

Im Rahmen einer Delegationsreise unter der Leitung von Staatssekretär Alexander Pröll hatte ich Ende August die Gelegenheit, interessante Einblicke in die digitale und technologische Entwicklung Saudi-Arabiens zu gewinnen. Neben dem Besuch der Technologiemesse LEAP standen Gespräche mit hochrangigen Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Regulierung auf dem Programm.

Mein wesentlichster Eindruck: Saudi-Arabien verfolgt seine digitale Transformation mit bemerkenswerter Konsequenz, Geschwindigkeit und einer klaren strategischen Ausrichtung. Im Rahmen der Vision 2030 werden Infrastrukturentwicklung, Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Innovationsförderung eng miteinander verknüpft.

Besonders interessant erscheint mir der Ansatz, digitale Infrastruktur konsequent an konkreten wirtschaftlichen Anforderungen auszurichten. Leistungsfähige Konnektivität und Rechenkapazitäten werden als wesentliche Voraussetzungen für neue Geschäftsmodelle verstanden. Dabei wird technologieoffen vorgegangen, wie beispielsweise die Entwicklungen im Bereich E-Sports, 5G Network Slicing und Satellitenkommunikation zeigen.

Bemerkenswert ist auch der institutionelle Ansatz: Mit der Saudi Data and AI Authority (SDAIA) verfügt das Land bereits seit 2019 über eine zentrale Einrichtung für Daten- und KI-Governance. Die enge Verzahnung von Regulierung, Innovation und Investitionsförderung zeigt, welchen Stellenwert eine koordinierte Digitalpolitik einnimmt.

Was können Österreich und Europa daraus lernen? Trotz unterschiedlicher politischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen verdeutlicht das saudische Beispiel, wie wichtig eine kohärente Digitalstrategie ist, die Infrastruktur, Innovation, Regulierung und Wettbewerbsfähigkeit gemeinsam betrachtet.

Für mich hat die Reise einmal mehr bestätigt, dass erfolgreiche digitale Transformation nicht allein eine Frage technologischer Möglichkeiten ist. Entscheidend sind klare strategische Zielsetzungen, geeignete regulatorische Rahmenbedingungen und die Fähigkeit, diese rasch und koordiniert umzusetzen.

Die zahlreichen Gespräche haben zudem wertvolle Kontakte eröffnet, die wir insbesondere in den Bereichen Telekommunikationsinfrastruktur, KI und digitale Regulierung weiter vertiefen wollen.

Teil 2 – Brasilien: zwischen traditioneller Postregulierung und innovativer Digitalisierung

Vom 4. bis 10. Oktober 2026 hatte ich als Mitglied der Troika der European Regulators Group for Postal Services (ERGP) Gelegenheit, den brasilianischen Postmarkt im Rahmen einer Studienreise näher kennenzulernen. In Brasília und Rio de Janeiro standen Gespräche mit Politik, Verwaltung, Postunternehmen, privaten Anbietern und Wissenschaft auf dem Programm.

Bereits beim Besuch des Kommunikationsministeriums am 5. Oktober wurde ein grundlegender Unterschied zu Europa deutlich: Brasilien verfügt über keine unabhängige Postregulierung; die Führung des staatlichen Postunternehmens Correios ist stark politisch geprägt. Die politische Unsicherheit war auch unmittelbar nach dem ersten Wahlgang vom 4. Oktober bei unseren Gesprächspartnern deutlich spürbar. Zugleich bestand großes Interesse an unserem europäischen Regulierungsansatz, auch vor dem Hintergrund der diskutierten Privatisierung von Correios.

Im Austausch mit dem EU-Botschafter wurde insbesondere die Bedeutung von Mercosur und leistungsfähigen Post- und Logistikdiensten für den Warenverkehr zwischen Brasilien und Europa hervorgehoben.

Beeindruckend waren die operativen und technologischen Entwicklungen bei Correios. Im Distributionszentrum in Rio zeigte sich eine klar strukturierte Automatisierungs- und E-Commerce-Strategie. Die Corporate University in Brasília verbindet umfassende Mitarbeiterschulung mit Produktentwicklung.

Ein besonderes Highlight war das Gespräch mit der Zollverwaltung zum Programm Remessa Conforme (PRC). Durch die Zusammenarbeit zwischen Behörden, Correios und großen Handelsplattformen sowie den Einsatz künstlicher Intelligenz wird die Zollabwicklung erheblich beschleunigt. Dieser pragmatische Ansatz bietet auch für Europa wertvolle Anregungen.

Weitere Gespräche mit privaten Paketdienstleistern, Konsumentenschützern und Vertreter:innen der Wissenschaft beleuchteten Fragen des Wettbewerbs und des Universaldienstes. Gerade mit Blick auf den geplanten europäischen Delivery Act ergaben sich interessante Parallelen und neue Perspektiven.

Mein Fazit: Bei der unabhängigen Regulierung besteht in Brasilien noch Entwicklungspotenzial. Operativ präsentiert sich Correios dagegen gut organisiert, technologieoffen und entschlossen, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Die Offenheit der Behörden für Innovation, der klare strategische Rahmen und der konsequente Einsatz neuer Technologien zeigen, dass auch Europa und Österreich von brasilianischen Erfahrungen lernen können. Den Abschluss bildete am 10. Oktober ein Troika-Meeting, bevor es zurück nach Europa ging.

Teil 3 – Japan: technologische Innovation und neue Perspektiven für die Regulierung

Vom 24. bis 31. Oktober 2026 führte mich eine Studienreise mit dem Board of European Regulators for Electronic Communications (BEREC), dessen Vorstand ich angehöre, nach Japan. Fünf intensive Programmtage boten Einblicke in einen Telekommunikationsmarkt, der sich technologisch wie regulatorisch in wesentlichen Punkten von Europa unterscheidet.

Nach einem einführenden Gespräch in der EU-Delegation in Tokio standen Besuche bei Sony und den Nakao Labs der Universität Tokio auf dem Programm. Während Sony insbesondere auf mobile Anwendungen und Gaming setzt, beeindruckten bei den Nakao Labs die Forschungsansätze rund um Digitalisierung und Resilienz ganz besonders.

Im japanischen Ministerium für Inneres und Kommunikation (MIC) erhielten wir Einblick in die Frequenz- und Digitalstrategie. Japan verfügt über eine Glasfaserabdeckung von mehr als 90 Prozent der Bevölkerung und eine Mobilfunkabdeckung von rund 95 Prozent. Für verbleibende Versorgungslücken in ländlichen Gebieten werden auch Kooperationen mit Satellitenanbietern wie Starlink und AST genutzt, wobei man ganz bewusst von einer direkten Frequenzüberlassung an diese Unternehmen Abstand nimmt. Das ist strategisch sicherlich richtig. Bemerkenswert ist zudem der regulatorische Ansatz: Frequenzen wurden überwiegend über Auswahlverfahren („Beauty Contests“) vergeben; erst im 26-GHz-Bereich wurde eine Auktion erprobt. Eine unabhängige Telekomregulierungsbehörde nach europäischem Vorbild gibt es nicht.

Ein Höhepunkt war der Besuch bei SoftBank: Von moderner Rechenzentrumstechnologie über Smart Glasses mit Übersetzungsfunktion bis zu solarbetriebenen Kommunikationsplattformen in der Stratosphäre, die große Flächen resilient versorgen sollen, wurde die Innovationsdynamik unmittelbar erlebbar. NTT präsentierte tags darauf dann mit seiner All-Photonics-Network-Plattform (APN), wie eng Rechenzentren und leistungsfähige Netzinfrastruktur künftig zusammengedacht werden müssen.

In Kobe erhielten wir am RIKEN Center for Computational Science beeindruckende Einblicke in Hochleistungsrechner und die Perspektiven des Quantencomputings. Den Abschluss der Fachtermine bildeten Gespräche mit Ericsson Japan und Rakuten über Open RAN, Hochrisikoanbieter und Cybersicherheit. Besonders interessant war Rakutens softwarezentrierter Ansatz, Mobilfunk als Bestandteil eines vertikal integrierten digitalen Ökosystems weiterzuentwickeln. Darin sehe ich auch Chancen für neuen Wettbewerb auf dem Markt für Netzausrüstung, über die wir dringend nachdenken sollten.

Mein Fazit: Japan verbindet technologische Ambition mit einer engen Abstimmung zwischen Staat, Forschung und Unternehmen. Nicht jeder Ansatz lässt sich auf Europa übertragen. Die Reise liefert aber wichtige Impulse für unsere Arbeit in Telekommunikation, Post und KI – insbesondere zu Infrastruktur, Resilienz, Wettbewerb und Governance.

Drei Reisen – eine gemeinsame Erkenntnis

Was nehme ich aus diesen drei Reisen mit?

Saudi-Arabien zeigt, welche Dynamik durch eine konsequente strategische Ausrichtung und die enge Verknüpfung von Infrastruktur, Investitionen und Innovation entstehen kann. Brasilien verdeutlicht, wie pragmatische Verwaltungsmodernisierung und technologische Offenheit auch unter herausfordernden regulatorischen Rahmenbedingungen bemerkenswerte Fortschritte ermöglichen. Japan wiederum beeindruckt durch technologische Exzellenz, langfristige Infrastrukturstrategien und die konsequente Weiterentwicklung digitaler Ökosysteme.

Drei Länder, drei unterschiedliche Ansätze – und doch eine gemeinsame Erkenntnis: Digitale Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht allein durch technologische Innovation, sondern durch das erfolgreiche Zusammenspiel von Infrastruktur, Investitionen, Wettbewerb und Governance.

Gerade aus europäischer Perspektive stellt sich damit eine zentrale Frage: Sind unsere regulatorischen und institutionellen Strukturen ausreichend aufeinander abgestimmt, um Innovation nicht nur zu ermöglichen, sondern auch ihre rasche und erfolgreiche Umsetzung zu unterstützen?

Dabei geht es nicht darum, andere Modelle unkritisch zu übernehmen. Vielmehr sollten wir bereit sein, etablierte Ansätze zu hinterfragen, voneinander zu lernen und unsere eigenen Rahmenbedingungen kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Für meine Arbeit in den Bereichen Telekommunikation, Post und künstlicher Intelligenz nehme ich jedenfalls zahlreiche neue Erkenntnisse, Ideen und auch offene Fragen mit, die ich in die kommenden Diskussionen einbringen möchte.

Oder, um es mit Matthias Claudius zu sagen: "Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen."

Ich hoffe, mit diesen Einblicken einige interessante Denkanstöße gegeben zu haben, und freue mich auf Fragen, Anregungen und einen weiteren Austausch.


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